Winterfahrt zur Großmutter
Vor drei Jahren, mitten im strengsten Frost, fuhr ich zu meiner Großmutter nach Nord‑Butovo – ein kleines Dorf‑Städtchen am Stadtrand von Moskau. Die Straße führte über offene Felder, an Bauernhöfen vorbei und schließlich zu ihrem Haus, das von einem dichten Lindenhain umgeben war. Die Einheimischen nennen diesen Hain einfach Linden.
Legende des Lindenhains
Vor etwa zwanzig Jahren geschah hier ein grausames Verbrechen: Ein junges Mädchen, das von der Arbeit nach Hause kehrte, wurde vergewaltigt, erschlagen und in einem kleinen Hügel vergraben. Seitdem meiden die Dorfbewohner den Hain nach Einbruch der Dunkelheit. Man hört weibliche Stöhnen, sieht schemenhafte Gestalten und berichtet von unheimlichen Geräuschen, die aus dem Dickicht dringen. Einmal stolperte ein Wanderer über den Hügel, erwachte am nächsten Morgen schwer verletzt im Krankenhaus – er erinnerte sich an nichts.
Begegnung mit dem Freund
Ich rief meinen Freund an, mit dem ich oft in der Umgebung unterwegs war, und wir verabredeten uns für fünf Uhr abends. Wir verbrachten eine Stunde in der Stadt, dann, nach Sonnenuntergang, machten wir uns auf den Weg zurück zu meinem Haus. Der Hain hat drei Ausgänge: einer führt zum Supermarkt, die anderen beiden zu Wohnhäusern. Wir verabschiedeten uns, ich nahm den kurzen Weg, mein Freund den langen, durch das Herz des Hains.
Geisterhafter Besuch
Als ich zu Hause den Fernseher einschaltete, ertönte plötzlich ein Klingeln an der Tür. Ich öffnete und sah meinen Freund, bleich wie ein Blatt, keuchend vor Angst. Er erzählte, dass er über den Hügel gegangen sei, wo das Mädchen ermordet wurde, und dort ihren Schatten sowie das eigentliche Gespenst einer etwa zwanzigjährigen Frau gesehen habe. Sie schrie:
„Berühre mich nicht! Was willst du von mir?“
Das Gespenst packte ihn mit einer leeren Ledertasche, schlug ihm das Gesicht und ließ ihn zurück. Als sie verschwand, fand er dieselbe Tasche in seiner Hand. Auch ich sah sie – eine unscheinbare braune Ledertasche.
Der letzte Anruf
Kurz darauf, gegen 23:05 Uhr, klingelte erneut die Tür. Durch den Türspion sah ich dieselbe geisterhafte Gestalt. Wir drückten die Tür nur halb auf und wagten es nicht, ganz zu öffnen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen verschwand das Gespenst wieder.
Wie man den Geist beruhigt
Am nächsten Morgen suchten wir den Pfarrer der örtlichen Kirche auf. Er erklärte, dass wir die Tasche zurück zum Hügel bringen und bei Einbruch der Dunkelheit Dinge hineinlegen sollten, die Frauen gefallen, um den Geist zu besänftigen. Wir sammelten bei meiner Großmutter Kosmetik, ein kleines Spiegelchen, Modeschmuck und alles, was einer Frau gefallen könnte.
Wir kehrten zum Lindenhain zurück und legten die Tasche exakt um sechs Uhr abends auf den Hügel. Auf dem Rückweg hörten wir ein leises Weinen und ein kaum hörbares Flüstern:
„Danke…“
Wir drehten uns nicht um, sondern rannten sofort zum Haus.
Fazit
Seit diesem Ereignis haben weder ich noch mein Freund den Lindenhain je wieder betreten – außer in absoluten Notfällen. Die Geschichte hat uns eine tiefe Kälte ins Herz gepflanzt und die Gewissheit, dass manche Orte besser ungestört bleiben.
Sollten Sie nach Nord‑Butovo reisen, denken Sie an den alten Lindenhain und seien Sie bereit, dass die Vergangenheit in der Nacht wieder zum Leben erwachen kann.




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